Hat Selbstachtung eine Berechtigung für einen Christen ?

Achtung des anderen wird dem Christen stark empfohlen : « Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst ! » (Mathäus 22.39 ; Markus 12.31 ; Lukas 10.27). Ist sie aber für sich selbst berechtigt ?
Das ist das Dilemma, das das Buch  Selfesteemthe Cross and Christian Confidence,  (InterVarsity Press, 1992, 2002) von Alister Mcgrath, einem Theologen und seiner Frau Joanna, einer Klinikpsychotherapeutin, stellt .

Diese Buch soll in mehreren « Theos Notizen » untersucht werden.

Was ist Selbstachtung ?

Selbstachtung, d.h. sich selbst nach einer gewissen Werteskala einschätzen, erscheint als die unumgängliche menschliche Reaktion auf die Vorstellung, die jeder von sich selbst hat und die andere ihm vermitteln oder die er von ihnen zu bekommen glaubt. Sie ist feiner aufgebaut als die Selbstliebe, die eher mit der Selbstentfaltung und dem Ehrgeiz zu tun hat.

Selbstachtung und christliche Demut

Seelsorge strebt danach, die Personen von der lähmenden Gewohnheit zu befreien, sich selbst zu Unrecht herabzusetzen. Bringt aber die Entwerfung einer positiven Vorstellung seiner selbst nicht die Gefahr mit sich, die Wirklichkeit der Sünde und die Notwendigkeit der Demut zu verneinen ?

Entgenlaufende Tendenzen

Das ist die Meinung gewisser Theologen (1), die sich mit Recht anti- oder pseudochristlichen Selbstentfaltungsbewegungen widersetzen, wie z. B. dem « positiven Denken »(2). Sie schätzen, dass Selbstachtung ein Vorwand zur Selbstanbetung ist, während man sich als Verbrecher ansehen und sich jeden Tag zu Tode richten sollte.

Mindestmass an Selbstachtung

Dann stellt sich die Frage des Mindestmasses an Selbstachtung, das von Kindern empfunden wird, die schwere Gesichtsmissbildungen haben und auch nach Schönheitschirutgie noch entstellt sind : sie haben ein abschätziges Selbstwertgefühl, das ihnen in den Blicken und im Spott von anderen entgegen kommt.
Der Antwort der Psychotherapeuten kann man nur zustimmen. Sie steigern das Selbstwertgefühl dieser Kinder, indem sie ihnen helfen ihre besonderen Fähigkeiten, im Sport und sonst, entfalten, um die verheerenden Wirkungen der Missbildung auszugleichen und um ihnen zu helfen sich in eine Gruppe eingliedern.

Grenzen der Herabsetzung

Sollen oder dürfen diese vollständige Herabwürdigung der Person (sich als Verbrecher ansehen), diese Forderung einer absichtlichen Demütigung (sich jeden Tag zu Tode richten), die von einem jeden auf geistlicher Ebene verlangt werden, tatsächlich als unbedingte Forderungen aufgestellt werden, für Leute, deren Selbstwertgefühl alles andere als Selbstanbetung ist, und eigentlich schon nahe beim Nullpunkt steht ?
Eine Behinderung, eine Missbildung, eine längere Arbeitslosigkeit bringen schon oft eine Art « sozialen Tod » mit sich ; sollte man dann auch noch eine berechnete und deshalb skrupelhafte persönliche Tötung hinzufügen, die für einen bekehrten Christen noch zu Christi Werk hinzukäme ?

Das einzuhaltende Gleichgewicht

Sich selbst achten heisst nicht notwendigerweise sich selbst anbeten und « sich als einen Verbrecher ansehen » kann auch gegenteilige Folgen bei Christen haben, die durch eine missbräuchliche Belehrung zur totalen eigenen Herabsetzung verleitet werden und dadurch ausser Stande gesetzt werden, für die Gemeinde oder für die Gesellschaft hilfreiche Begabungen einzusetzen.
Und zudem fragt sich noch, ob diejenigen, die Verwerfung der Selbstachtung befürworten, diese Ablehnung zuerst einmal vorbehaltlos auf sich selbst anwenden, wo ihnen doch ihre Stellung als berühmte christliche Autoren einen an sich das Selbstwertgefühl stark steigernden Ruf einbringt ?

Christi Kreuz löst die Spannungen auf

Christi Kreuz ermöglicht die Auflösung dieser Spannungen zwischen einer negativen und einer positiven Vorstellung seiner selbst, denn sie erlaubt es dem Gläubigen, von der Trennung von Gott zur Verbundenheit mit Gott überzugehen. Und das Thema des « Werts der menschlichen Person » kommt an vielen Stellen der Bibel vor.

(1) Jay Adams und Paul Witz
(2) Norman Vincent Peale une Robert Schuller

C.S.

Alister McGrath – Wikipedia

Alister Edgar McGrath (* 23. Januar 1953 in Belfast, Nordirland) ist der Andreas Idreos Professor für Wissenschaft und Religion an der Fakultät für Theologie …