Schöpfung und Sintflut

Enûma Elish Als oben, babylonische Tontafeln über die Schöpfung 

Das babylonische Gedicht über die Schöpfung (Enûma Elish, Als oben) wurde im 1. Jahrtausend vor J.C. verfasst und im 19. Jahrhundert bei den Ausgrabungen der Stadt Ninive, einer der Hauptstädte des assyrischen Kaiserreiches, entdeckt.

Dieser Text auf acht Tontafeln beträgt über tausend Verse in assyrischer Sprache und erzählt die Geburt der Götter, die Erschaffung der Welt und des Menschen. Er stellt Marduks, des Gottes Babylons, Überlegenheit über die anderen Götter fest.

Eine Theogonie (Geburt der Götter)

Kleine Totschläge im Kreis der Familie

1. Tafel : Das Süßwasser (Absu) und das Salzwasser (Tiamat) gebären eine Reihe Gottheiten, die allerhand Streitereien und Morde unter sich begehen.

Tiamat fordert Absu auf, seine allzu unruhigen Söhne zu bestrafen. Ea schläfert  Absu, seinen Vater ein, tötet ihn, richtet sich in seiner Leiche ein und gebärt Marduk.

Hässlich, blöd und böse !

Um den Tod ihres Gatten zu rächen, schafft Tiamat neun unüberwindbare Ungeheuer gegen ihre Söhne.

2. Tafel : Die bedrohten Götter schicken Götterdelegationen, um Tiamat zu besänftigen, aber vegebens. Marduk ist einverstanden, Tiamat zu besiegen, unter der Bedingung, dass er Oberhaupt aller Götter werde.

3. und 4. Tafeln : Marduk wird zum König ausgerufen.

Die babylonische Schöpfung der Welt

Marduk tötet Tiamat und öffnet ihre Leiche wie eine Muschel. Mit der oberen Hälfte bildet er den Himmel mit der Wohnung der Götter ; er baut Sterne, Mond und Sonne ein (5. Tafel).

Mit dem unteren Teil gestaltet er die Berge und weist den  Flüssen (Tigris und Euphrat) ihren Lauf an. So schafft er den Himmel und die Erde und setzt die Könige ein. Die Götter verehren ihn und bestätigen seine Königsherrschaft.

Die Schöpfung der Menschheit

6. Tafel : Marduk beschließt, die Menschen zu schaffen, damit sie arbeiten und so die Götter ausruhen können.

Um den Menschen bilden zu können, braucht Marduk das Blut eines schuldigen Gotts. So wird Kingu hingerichtet, der Tiamat zum Krieg angespornt hatte. Mit seinem Blut bildet Marduk die Menschheit.

An die Arbeit !

Marduk befiehlt : « Baut Babylon, stellt seine Bausteine her und nennt die Stadt ‘das Heiligtum der Anunaku’ (der höheren Götter) ! » Die Menschen formen Backsteine und bauen einen Tempel, einen mehstöckigen Turm (Ziggurat), zu Ehren der höheren Götter (Anunaku).

Das Gilgamesh-Epos und die Sintflut

Die 11. Tafel mit der Geschichte der Sintflut stammt aus Assurbanipals Bibliothek in Ninive, aus dem 7. Jahrhundert vor J.C.

Die höheren Götter wollen eine Sintflut auslösen, weil die Menschen zu viel Lärm machen, aber Enki (Ea) ist nicht damit einverstanden. Er verständigt einen Menschen davon durch ein Geräusch im Schilf, das sagt : « Zerstöre dein Haus und baue ein Schiff ! »

Der Mensch baut ein Schiff und darein lädt er Silber, Gold, seine Familie, seine Schwiegerfamilie, Vieh und Handwerker, also viel mehr Leute als in Noahs Arche waren.

Die Sintflut bricht auf die Erde herein. Das Wasser steigt an. Die Götter bekommen eine große Angst. Nach sieben Tagen legt sich der Sturm und das Schiff legt an einem Berg an. Sieben weitere Tage später lässt der Mensch eine Taube losfliegen. Dann verlässt er das Schiff und bringt ein Opfer dar – die Götter nähern sich und riechen den Geruch.

Enlil, der die Sintflut angeordnet hatte, bricht in Wut aus, als er das Schiff erblickt : niemand hätte der Katastrophe entkommen sollen. Enki (Ea) versucht, ihm gut zuzureden : um die Menschen zu strafen, wäre es besser, andere Mittel (Löwen, Wölfe, Hungersnot, Pest) als eine Sintflut zu benutzen. Enlil scheint überzeugt zu sein, denn er steigt in das Schiff und gewährt dem Menschen die Unsterblichkeit.

Der der Sintflut entkommene Mensch hat Gilgamesh die Unsterblichkeitspflanze anvertraut. Sie sticht wie eine Rose, aber wenn er sie in der Hand behält, wird er das Leben erhalten. Leider badet er in einem Brunnen und eine durch den Duft angezogene Schlange nimmt die Rose mit. Die Unsterblichkeit ist unzugänglich geworden.

Das Atrahasis-Epos verbindet die Schöpfung  mit der Sintflut

Kein Wunder mit solchen Namen !

1. Tafel : es gibt zwei Klassen Götter, die höheren (Anunaku) und die niedrigeren (Zigigu), die von den höheren zum Frondienst gezwungen werden.

Damals schon Aufstand des Proletariats !

Nach 2 500 Jahren Frondienst lehnen sich die niedrigeren Götter auf und die höheren versuchen, den Konflikt beizulegen.

Zum Schuften da…

Mamu, die Hebamme der Götter, knetet Lehm mit dem Blut eines Gotts zu sieben Männern und sieben Frauen, die zu Sklaven der Götter werden.

… aber doch zu unbequem

Die Menschen vermehren sich aber auf der Erde, sie werden zu laut und stören Enlil beim Schlafen. Er versucht, ihre Zahl durch Seuchen, Dürre (2. Tafel) und Hungersnot zu verringern. Enki hilft der Menschheit, sich gegen diese Plagen zu wehren.

Enlil beschließt, eine Sintflut zu gebrauchen.

Enki verständigt Atrahasis, der ein Schiff baut (3. Tafel).

Die Sintflut geht auf die Erde nieder. Nachdem Atrahasis der Sintflut entkommen ist, bringt er ein Opfer dar. Enlil wird wütend. Das Ende der Erzählung gleicht der Gilgameshs : die Zahl der Menschen wird durch Zeugungsunfähigkeit, Kindertod und  Ledigstand der Tempeldienerinnen vermindert.

Biblische Erzählung und gleichlautende Legenden

Als diese Texte entdeckt wurden, hat man Ähnlichkeiten mit der biblischen Schilderung der Schöpfung des Menschen aus Lehm, Aussendung von Vögeln und Opfer nach der Sintflut festgestellt.

Handelt es sich um mythologische Texte, die später dem jüdischen Glauben angepasst wurden ? Oder sind in der Bibel eher geistliche Überlieferungen, die aber in den mythologischen Erzählungen verdreht wurden ?

Die heidnischen Texte wurden vor dem biblischen Text niedergeschrieben. Der biblische Text hat sie JEDOCH weder abgeschrieben noch sich ihnen angepasst.

Echtheit und Überlegenheit der biblischen Erzählung

Monotheismus (ein einziger Gott) –  Polytheismus (mehrere Götter)

In der Mythologie findet man eine Theogonie : die Götter werden geboren ;

In der biblischen Erzählung ist Gott allein, ewig, ohne Anfang und ohne Ende

Die heidnischen Götter werden nach Kämpfen oder Interessenkonflikten geschaffen : das hilft bequem, die Geschehnisse des geläufigen Lebens erklären.

In der Mythologie gibt es einen Anfang für alles, auch für die Götter

In der biblischen Erzählung schafft Gott aus nichts, « ex nihilo ».

Die Bibel braucht weder schöpfende Engel, noch Zwischenwesen.

Die babylonischen Gottheiten werden in ihre Schranken als Geschöpfe verwiesen.

Sonne und Mond werden nicht einmal genannt und einfach als große Lichter dargestellt.

Vermischung (heidnische Texte)  – Unterscheidung (biblische Erzählung) zwischen Schöpfer und Geschöpf.

 In den heidnischen Texten werden die Götter geboren und arbeiten wie die Menschen.

Der Mensch wird aus Lehm, mit Blut und Speichel vermengt, geschaffen. Es gibt Zwischenwesen : Gilgamesh wurde einem Gott ähnlich.

In der biblischen Erzählung ist der göttliche Teil im Menschen der Lebensgeist Gottes.

« Wie Gott werden », lautete die Verführung der Schlange.

Der Mensch wird nach dem Bild Gottes, Gott ähnlich geschaffen. « Du hast ihn wenig geringer gemacht als einen Gott » (Psalm 8.6)

Der Unterschied besteht darin, dass Gott das Leben in sich hat und letztlich das Gute vom Bösen unterscheidet.

Der Mensch wurde aus Liebe geschaffen (biblische Erzählung)

… um den Göttern zu dienen (heidnische Texte)

Die von Gott geschaffenen Mann und Frau werden in den Garten gestellt, um ihn zu bebauen und zu behüten, aber erst nach der Schöpfung.

Kinder werden von den Eltern aus Liebe geboren und nicht um Geschirr zu spülen oder um sich um sie in ihrem Alter zu bekümmern. Der mythologische Text ist eine heidnische Art, die Schöpfung des Menschen darzustellen.

Der Mensch als einzelnes Wesen und die Rolle der Frau (biblische Erzählung)

Weder ein Paar noch ein Individuum, sondern 7 Paare (heidnischer Text)

Das Böse und der Tod

In der Mythologie wird der Tod eigentlich im Augenblick der Schöpfung der Menschheit beschlossen.

Schon vor dem Auftritt des Menschen ist das Böse da : vatermörderische Kämpfe zwischen göttlichem « Adel » und « Proletariat ». Der Mensch wird aus dem Blut eines bösen Gotts geschaffen.

In der biblischen Erzählung ist die Schöpfung gut

Das Böse und der Tod sind wegen des Menschen Schuld aufgekommen.

Der Tod ist natürlich ( Zum Staub wirst du zurückkehren) aber widernatürlich. Es war nicht Gottes Absicht, der Baum des Lebens stand augenfällig im Garten.

Theo