Bonhoeffer in Tegel inhaftiert

Beschränktes aber nutzbringendes gemeinsames Leben

Einige Vorrechte aber wenig Illusionen

Als man nach einigen Tagen auf Bonhoeffers familiäre Beziehungen aufmerksam wird, verbessert sich seine Lage im Tegeler Gefängnis. Er bekommt eine grössere Zelle, reichlichere Rationen, die er aber aus Solidarität mit den anderen Häftlingen ablehnt, einen täglichen Spaziergang mit dem Hauptmann der Strafanstalt.
Er unterstreicht die kriecherische Höflichkeit derer, die ihn vorhin beschimpften : « Ich schämte mich nicht desto weniger für die anderen, es war peinlich ».1 Mit etwas Humor weist er auf den Besuch seines Onkels Paul hin.2
Er darf Besucher, Päckchen und Post empfangen, Briefe schreiben, die manchmal nicht zensiert werden3 Er verbringt Zeit im Krankenrevier, nicht um gepflegt zu werden4, sondern um nach der Bombardierung Borsigs5  Ende November 1943 seine Hilfe anzubieten.

Unheilvolle Lage der Häftlinge

Es wird ihm erlaubt, einen Bericht über die unheilvolle Lage zu schreiben, in der die Häftlinge vergessen werden. « Eine Luftmine ist in 25 Meter Entfernung explodiert, die Fensternscheiben sind herausgeflogen, das Krankenrevier hat kein Licht mehr, auβer uns, die wir dort waren, bekümmert sich niemand um die hilfeschreienden Häftlinge ; doch auch wir konnten in der Dunkelheit wenig helfen ».
« In diesem Bericht zeige ich die Notwendigkeit der ärztlichen Versorgung bei Alarmen. Hoffentlich nützt es was. Ich bin froh, irgendwie mithelfen zu können, und zwar an vernünftiger Stelle6».

Sympathische Unterhaltungen

Es kommt zu sympathischen Unterhaltungen und Diskussionen7 :
« Die Häftlinge, die in der Küche oder nachmittags drauβen arbeiten, sagen einander die Nachricht weiter, ich sei im Krankenrevier und sie suchen irgend einen Vorwand, um heraufzukommen, weil sie sich gern mit mir unterhalten. Das ist natürlich nicht erlaubt, aber es macht mir Freude, es zu erfahren ».
Manchmal wird er sogar mit Hochachtung behandelt :
« Eben sagte der Unteroffizier, der mich vom Revier in meine Behausung brachte, etwas verlegen lächelnd, aber doch ganz ernst zu mir : « Beten Sie doch, Herr Pfarrer, dass wir heute keinen Alarm kriegen ! »8
Und er versteht es auch, sich Respekt zu verschaffen, auch von denen, die keine Lust dazu gehabt hätten9

Glück einer Unterhaltung mit seinem Freund und späteren Biographen Eberhard Bethge

Einige herausragende Augenblicke, wie eine Unterhaltung allein mit Eberhard Bethge, länger als die vorgeschriebene Dauer, bringen ihm ein groβes Glück.
« Dein Besuch stärkt mich weiterhin ununterbrochen. Was haben wir nicht alles in diesen neunzig Minuten erörtert und von einander erfahren ! Ich danke Dir nochmals, dass Du es geschafft hast, diese Genehmigung zu bekommen »10.

Kampf für sein Leben und das Leben der anderen

Er führt einen immer wiederholten Kampf, um sein Leben zu schützen und um das Leben der anderen nicht zu gefährden, insbesondere das Leben seines Schwagers Hans Dohnanyi, der ebenfalls am 5. April 1943 verhaftet wurde und schwer krank ist11.
« Roeder12 wollte mir am Anfang gar zu gern an den Kopf, nun musste er sich mit einer höchst lächerlichen Anklage begnügen, die ihm wenig Ruhm eintragen wird »13.
« In den letzten Tagen war ich wieder ein paarmal in der Stadt (zu Verhören) mit sehr befriedigendem Ergebnis. Da aber die Zeitfrage ungelöst bleibt, so verliere ich eigentlich das Interesse an meiner Angelegenheit »14.

Zwischen Widerstand und Ergebung,

oder folgende Stellungnahme… deren Ergebnis keinen Zweifel bestehen lässt : Bonhoeffer wird nie auf die Seite der Feigen neigen.
Ich habe mir hier oft Gedanken darüber gemacht, wo die Grenzen zwischen dem notwendigen Widerstand gegen das « Schicksal » und der ebenso notwendigen Ergebung liegen. Der Don Quijote ist das Symbol für die Fortsetzung des Widerstands bis zum Widersinn, ja zum Wahnsinn. Der Sancho Pança ist der Repräsentant des satten und schlauen Sichabfindens mit dem Gegebenen… Der Glaube fordert dieses bewegliche, lebendige Handeln. Nur so können wir die jeweilige gegenwärtige Sitution durchhalten und fruchtbar machen15.

Im Lager der Feinde

Seine Lebensbedingungen veranschaulichen auch die Umstände, die er in Gemeinsames Leben beschreibt : nicht die Einsamkeit eines Klosters, sondern das eigentliche Lager der Feinde16
Man gewährt ihm weder einen Seelsorger17, noch einen Gottesdienst in einer sichtbaren christlichen Gemeinschaft, aber seine Situation empfindet er folgendermaβen : « Die christliche Brüderlichkeit ist kein menschliches Ideal, sondern eine von Gott gegebene Wirklichkeit. ..Es ist eine von Gott geschaffene Wirklichkeit, an der wir teilhaben dürfen »18.

Fortsetzung folgt

Hans von Dohnanyi

heiratete er 1925 Christine Bonhoeffer, die Schwester seiner Schulfreunde Dietrich und Klaus Bonhoeffer und Tochter von Karl Bonhoeffer. Mit der Heirat legte

Widerstand gegen den Nationalsozialismus

grundlegend zu ändern. Eine Unterstützung durch die Alliierten erhielt der deutsche Widerstand nicht, vielmehr führte die Forderung einer bedingungslosen Kapitulation

C.S.

1 Widerstand und Ergebung, S. 56
2 General von Hase, Befehlshaber des Standorts Berlin, von dem Tegel abhing. Zu Tode verurteilt und hingerichtet wegen Teilnahme an der Verschwörung gegen Hitler.
3 Widerstand und Ergebung, 4. Advent 1943, S. 94.
4 Ibid., 31. Oktober 1943, S. 53 und 28. November 1943, S. 78
5 Ibid., 27. November 1943, S. 82.
6 Ibid., 28. November 1943. S. 83.
7 Ibid.
8 Widerstand und Ergebung, 2. Advent 1943, S. 87.
9 Ibid., 22. November 1943, S. 80.
10 Ibid., Heiligabend 1943, S. 98.
11 Ibid., 28. Juli 1944. S. 188.
12 Kriegsgerichtsrat und Untersuchungsführer.
13 Widerstand und Ergebung, 30. November 1943, S. 85.
14 Ibid., 6. Mai 1944. S. 139.
15 Widerstand und Ergebung, 21. Februar 1944, S. 113.
16 Gemeinsames Leben
17 Widerstand und Ergebung, 18. November 1943, S. 70.
18 Gemeinsames Leben.