Gott vertrauen, ein Prinzip des christlichen Lebens zu leben.

Der Gerechte wird aus Glauben leben (und nicht abfallen) ist auch eine Herausforderung für versuchte Christen.

Der Schreiber des Hebräerbriefs greift Habakuks Aussage auf  Der Gerechte wird aus Glauben leben und das wurde ihm so eingegeben wie allen anderen Autoren des Neuen Testaments.
Die Lage der Christen, an die er schreibt, ist der des alttestamentlichen Propheten und seiner Zeitgenossen sehr ähnlich. Es ist die Lage einer Kirche, die in einer feindlichen Welt eine Krise durchmacht

 

Denkt daran , wie ihr euch früher bewährt habt, gleich nachdem ihr die Wahrheit kennen gelernt hattet. Damals musstet ihr einen langen und harten Kampf bestehen. Die einen wurden öffentlich beleidigt und misshandelt, und die anderen standen zu ihnen. Ihr habt mit den Gefangenen gelitten. Wenn man euer Eigentum fortnahm, habt ihr es voll Freude ertragen, weil ihr wusstet, dass ihr einen viel besseren Besitz habt, den man euch nicht nehmen kann.

Werft euer Vertrauen nicht weg, denn eine grosse Belohnung wartet auf euch, wenn ihr treu bleibt. Ihr musst standhaft bleiben und tun, was Gott will. Nur dann bekommt ihr, was Gott versprochen hat. Noch eine Weile, eine ganz kurze Weile, bis der, der angekündigt ist, kommt. Er wird sich nicht verspäten.

Wer mir vertraut und mir die Treue hält, wird leben. Wer aber mutlos aufgibt, mit dem will ich nichts zu tun haben. Wir gehören nicht zu den Menschen, die den Mut verlieren und deshalb zugrunde gehen. Vielmehr gehören wir zu denen, die treu bleiben und das Leben gewinnen. Hebräer 10. 32-39

Eine Krisensituation

Verfolgte Christen jüdischer Herkunft in Rom riskieren, den Glauben aufzugeben.

aus Glauben leben, nicht abfallen

Rom die grosse Stadt

 

Der Schreiber des Hebräerbriefs richtet sich an Christen, die eine Verfolgung mitmachen.

 

Abfall, Rücktritt sind für sie eine grosse Versuchung. Er ruft sie zum Nachdenken auf, sie sollen sich an das Vorbild erinnern, das sie selber waren.

Treue in der Verfolgung

Er erinnert sie zuerst an die vergangene Treue der Gemeinde (V. 23-24).
Denkt daran.

Dann ruft er sie zur Ausdauer auf (V. 35-39).
Bleibt den Gemeindeversammlungen nicht fern.

Dieser Gemeinde wurde die Erfüllung von Habakuks grossem Versprechen verheissen.
Der Gerechte wird vom Glauben leben.

Judentum, eine temporäre Sicherheitszone

Unter dem Römischen Reich ist das Judentum eine erlaubte Religion.

aus Glauben leben, nicht abfallen

Rom: kaiserlicher Adler

Diese neubekehrten und dann so schnell verfolgten Christen sind ehemalige Juden, die der in Rom angesiedelten jüdischen Kolonie gleichgestellt werden. Im Lauf des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung wurden die Christen im römischen Reich noch nicht von den Juden unterschieden. Der Judaismus war eine anerkannte –erlaubte- Religion.

Aber wegen der Unruhen zwischen Juden und Christen in Frage gestellt.

Die Juden werden aus Rom vertrieben.
aus Glauben leben, nicht abfallen

Tempel des Kaisers Claudius

Aber dem Zeugnis eines lateinischen Autors zufolge, “da die Juden immer wieder Aufruhr unter der Anstiftung des Chrestus verursachten –was wahrscheinlich auf Christus verweist – vertrieb sie der Kaiser Claudius 49 aus Rom. Unter ihnen waren Aquilas und Priscilla, die Mitarbeiter des Paulus (Apostelg 18.2).

Es mag wohl Unruhe und Verwirrung gegeben haben zwischen Juden, die sich zum christlichen Glauben wandten , und Juden, die sich ihm mit Gewalt widersetzten. So ist es kein Wunder, wenn man in der Apostelgeschichte von den Unruhen liest , die gegen Paulus und die Neubekehrten angestiftet wurden.

Mut zur Verfolgung

Schon ab 41 beginnen die Einschränkungen und die Schikanen. Versammlungen werden verboten, die Christen treffen sich dennoch weiter, sie werden eingesperrt, ihr Besitz wird beschlagnahmt.

Sie werden öffentlich beleidigt (zur Schau gestellt) und misshandelt

aus Glauben leben, nicht abfallen

Rom: die Basilika Julia Hof

Die Heiden unterstellen ihnen Laster und abscheuliche Handlungen. Die Juden schreiben ihnen die Verantwortung für ihre Schwierigkeiten zu. Die Christen aber halten durch und zeigen sich zudem noch solidarisch mit den Verfolgten; sie bezeugen grosse – sicher tatkräftige – Anteilnahme mit den Eingesperrten I

Auf dem Forum, dem öffentlichen Platz Roms, aufgeführt.

aus Glauben leben, nicht abfallen

Rom, das Forum

Ihr Besitz wird ihnen weggenommen. Ihre Wohnungen werden von den Beamten beschlagnahmt, oder von Unbekannten nach ihrer Gefangennahme oder ihrer Verbannung besetzt oder sogar zerstört. Ihr Mobiliar und ihre persönlichen Sachen werden gestohlen, auf die Strasse gestreut, oder vernichtet…

 

 

Aber diese ihres Besitzes, ihrer irdischen Güter beraubten Christen wissen, dass sie ein viel besseres Eigentum, einen weit besseren Besitz haben, den ihnen niemand wegnehmen kann.

Sammelt keine Reichtümer hier auf Erden … sondern im Himmel an Matthäus 6.19-20).

Aber sie sind entmutigt und versucht, abzufallen (sich zurückzuziehen)

Aber mit den vielen Prüfungen überkommen sie schliesslich verheerende Niedergeschlagenheit und Entmutigung. Der Schreiber weiss wohl, welcher Versuchung sie ausgesetzt sind: entweder sich zurückziehen, zum Judentum zurückkehren, um der Verfolgung auszuweichen, oder sich im Hintergrund halten, sich isolieren, zurücktreten.

Der Schreiber ermahnt sie aber und muntert sie auf :

Werft euer Vertrauen nicht weg, denn eine grosse Belohnung wartet auf euch.

Dieses Vertrauen, diese Kühnheit entwickelt der Christ, indem er auf Gottes Gnade vertraut, die ihm hilft, sein Heil praktisch ausleben. Über die Schwierigkeiten hinaus kann er seine Gedanken, seine Hoffnung auf die ewige versprochene Belohnung richten.

Das Evangelium in einem feindlichen oder gleichgültigen Kontext leben

Das heiβt aber nicht träumen, unbeteilgt auf das Leben im Himmel warten.
Nein, was wir brauchen, ist Ausdauer, Beharrlichkeit, Mut, dennoch weiterzumachen und nicht aufzugeben. Man muss kühn sein, um Christi Vorbild nachzuahmen, um das Wort weiterhin zu predigen, um das Evangelium in einer feindlichen oder gleichgültigen Umgebung auszuleben.

Verfolgung von der Vergangenheit bis in die Gegenwart:

im Zirkus zu Rom, Dragonnaden in den Cevennen, Völkermord, Haftstrafen, Ermordung um des Glaubens willen…

Aber auch die heutige allgemeine Stimmung

jede Form der Spiritualität ist gleich gut, du hast deine Wahrheit, ich habe meine. Jede Religion ist ebenso gut, unter der Bedingung, dass man danach lebt…”… Aber nur nicht zuviel !: “Religion ist Privatsache”.

Mut und Ausdauer erforderlich

Warum werden Unerschrockenheit und Ausdauer von der Gemeinde verlangt, die auf die Erfüllung der göttlichen Verheissung wartet? Der Schreiber will das erklären und wie alle Autoren des Neuen Testaments führt er Habakuk in der griechischen Fassung mit einigen eingegebenen Veränderungen an.

Habakuk mit anderen Augen gesehen

Noch eine kurze Zeit dauert es, bis der, der angekündigt ist, kommt. Er wird sich nicht verspäten. Wer mir vertraut und mir die Treue hält, wer in meinen Augen gerecht ist, wird leben. Wer aber mutlos aufgibt, mit dem will ich nichts zu tun haben. Hebräer 10.37-38

An den Anfang fügt er Jesaja 26.20 hinzu: für kurze Zeit, eine Aufforderung zur Ausdauer. Das angekündigte Gesicht lautet folgendermaβen : der, der kommen soll, wird kommen. Er wird sich nicht verspäten. Das ist ein unbedingt sicheres Ereignis : die herrliche Wiederkunft des Herrn.

Treue, Vormarsch oder Rücktritt?

Zwei Haltungen werden einander gegenüber gestellt: Treue und Vormarsch oder Abfall, Rücktritt.

Der Gerechte wird aus Glauben leben  (Wer mir die Treue hält und das Rechte tut, rettet sein Leben ). Dieser Glaube beginnt bei der Bekehrung und dauert so an, es ist ein Glaube, der seine Treue in den Schwierigkeiten, im Leiden und sogar im Ausbleiben einer Errettung unter Beweis stellt, wie es auch einige der Glaubenshelden in Hebräer 11 taten.

Wer aber mutlos aufgibt, mit dem will ich nichts zu tun haben. Wer sich zurückzieht ist der, der kneift, der versagt.

Ein lebensgefährliches Risko

Der Schreiber ermahnt die, die versucht sind, dem Leiden und der Enttäuschung auszuweichen, indem sie sich auf sich zurückziehen, sich verstecken und sich von der Gemeinde absondern. Für sie ist das der Weg in den Verrat, den Abfall.

Wir gehören nicht zu den Menschen, die den Mut verlieren und deshalb zugrunde gehen. Vielmehr gehören wir zu denen, die treu bleiben und das Leben gewinnen.

Diese Mahnung gegen den Abfall kommt einem für Christen in einer Krisenlage streng vor. Aber der Schreiber empfindet eine leidenschaftliche seelsorgerliche Anteilnahme für sie. Mit seinem « wir » stellt er sich an ihre Seite, er spricht die Zuversicht aus, dass sie trotz allem durchhalten und den Glauben und die ausdauernde Treue aufrecht halten werden, bis sie der Herr zu sich nimmt.

Aufruf zum Glauben in tragischen Umständen

Inwiefern betrifft uns heute Habakuks Aufruf zum Glauben, den der Schreiber des Hebräerbriefs aufgreift ? Ist es ein Drama der Geschichte, ein ungleicher Zusammenstoss zweier Kulturen der fernen Antike, Unvereinbarkeit der Werte für eine christliche Kirche, die sich mit der heidnischen Welt des 1. Jahrhunderts konfrontiert sieht. Dramen und Konflikte gibts es schon jahrhundertelang und hören bei weitem noch nicht auf.
Diese Texte können uns auch persönlicher ansprechen : solche tragischen Situationen beschreiben die Autoren der Bibel nicht einfach, sie haben sie selber mit den Leidenden miterlebt.

Leiden und dennoch Glaube und Hoffnung

Mit all der Fürchterlichkeit seines Dramas hat diese Welt sozusagen an Habakuks Haut geklebt und ihn sogar zum Schreien vor Unverständnis und Not gebracht. Nein, Gott verwirft das Aufschreien seiner Kinder nicht, wenn sie ihre Klagen vor ihm ausschütten. Nein, er fordert keinen unerschütterlichen, nüchternen Glauben, der sich als für Leid unerreichbar ausgeben würde. Sicher hat Habakuk unter Unverständnis gelitten: wer hat seine Prophetie gehört und dann sein Benehmen verändert, wer hat Glauben und Treue zu Gott gewählt, all dem zum Trotz, was kommen sollte? Einige schon, aber sicher nicht die Mehrheit. Er hat gelitten, weil er als erster dessen gemahnt war, was geschehen sollte. Die anderen bildeten sich ein, sie würden ohne weiteres davonkommen. Er aber wusste, dass Invasion und Zestörung unvermeidbar waren und dass er sogar selbst darunter leiden würde. Er stellt Fragen an Gott, ohne ihn aber je anzuklagen. Es sind wohl Schmerzensschreie, aber vor allem auch Aufschreie des Glaubens und der Hoffnung, die gegen alle Verzweiflung, alle Kompromisse erschallen, ein Schrei, der einen erschüttern lässt: “Aus Glauben wird der Gerechte leben!”

Der Christ fühlt sich mit einer leidenden Welt solidarisch

Habakuk kann uns helfen, Position einzunehmen als Christ, der das Selbe wie alle anderen in der Welt erlebt. Christ sein gewährt keine automatische Garantie, den Schwierigkeiten und dem Unheil des Lebens zu entgehen. In der Welt gehört ein Christ auch zu denen, die Wirtschaftskrisen, Epidemien, Kriege, Tsunamis, Erdbeben hinnehmen müssen, wenn auch etliche manchmal wunderbar davon versehrt bleiben. All diese Katastrophen und Leiden sind Hilferufe, auf die wir verpflichtet sind, einzugehen. Nein, Christen leben nicht auf einer abgesicherten Insel. Ein Christ sitzt nicht in einem Zug, der zum Jenseits unterwegs ist, und nichts von der durchfahrenen Krisenwelt wissen will. Sich von den Leidenden fernzuhalten, sie in die Kategorie der “Unbekehrten” einzuordnen, um ihnen jede Hilfe zu verweigern, ist einfach schändlich. Seien wir aufmerksam auf die Bedüfrnisse an materieller und seelicher Unterstützung in unserer Umgebung wie auch in der Ferne! Wir können wenigstens beten, ein Wort zur Ermunterung sagen, aber wir können uns auch tatkräftig einsetzen. Es gibt genug christliche und andere Wohltätigkeitswerke, bei denen wir mithelfen können.

Ein weitsichtiger Blick

Es sind auch Aufrufe zur Busse, nicht nur an die anderen, an die, die Gott nicht kennen und sich zu ihm hinwenden müssen. Aufrufe zur Busse, zur Wachsamkeit, an einen jeden, auch an mich, wenn ich nicht treu zu meiner Hoffnung stehe, wenn ich in meinem Glauben nachlasse, weil Gott nicht nach meiner Auffassung und meiner Erwartung geantwortet hat.
Habakuk schaut weit über das Unmittelbare hinaus: Gott wird seine Gerechtigkeit früher oder später walten lassen. Er trifft eine verpflichtende Wahl: sich im Herrn freuen, Gott loben, anstatt sich zu beklagen.

“Noch gibt es keine Feigen oder Trauben, noch kann man keine Oliven ernten, noch wächst kein Korn auf unseren Feldern und die Schafhürden und Viehställe stehen leer – und doch kann ich jubeln, weil Gott mir hilft; was er zugesagt hat erfüllt mich mit Freude. Der Herr macht mich stark, auf ihn ist Verlass!” (Habakuk 3.17-18)

Der Hebräerbrief, ein schmaler Weg zwischen zwei Versuchungen

Ja, der Hebräerbrief! Was bewirkte er unmittelbar? Haben Roms Judenchristen alle auf die Versuchung verzichtet, sich in eine bereitwillige Anpassung, ins Judentum zurückzuziehen, zumindest vorläufig? Haben sich nicht andere weiterhin zu Hause verkrochen, um einer zu schwierigen Gegenüberstellung mit der Umwelt auszuweichen? Ein enger, schwieriger Weg, ein Seiltänzerdraht zwischen zwei Versuchungen.

Anpassung

Die erste Versuchung ist der Rücktritt zum Judentum, ein Wert, der in der damaligen römischen Gesellschaft noch Ansehen genoss, die Wahl der Gemütlichkeit, um sich Probleme zu ersparen, mindestens vorläufig. Sich auflösen, sich in die Unzahl der “–tümer” (setzen Sie davor was ihnen gefällt) versenken, oder das “–tum” ohne Lebenswechsel auswechseln, vom Heidentum zum Mehrheitschristentum des Konstantin oder Karls des Groβen. Man wird in ein –tum geboren, man bleibt darin und stirbt darin, ohne sich einmal zu fragen warum.
Anpassung an die pluralistischen Mehrheitswerte unserer Welt! Heutzutage hört man kaum noch sagen “Ich glaube nur an den Fortschritt der Menschheit”, viel öfter aber “Man nehme eine Prise christliche Spiritualität mal hier, eine hinduistische mal da, man gebe sie zu einem wenig Esoterik und verdünne es in eine leichte Soβe religiöser Befolgung…”

Abkapselung

Die zweite Versuchung ist Abkapselung, Ghettoexistenz. Nur mit Christen verkehren, aus derselben Gruppe wie meine. Mit niemand sprechen, es sei denn, um ihm evangelistische Verse zu sagen. Jede Art Geselligkeit vermeiden. Das sieht übertrieben aus, so etwas sieht man nicht oft, zum guten Glück, aber es gibt es trotzdem.

Was ist das rechte Verhaltensmuster für einen Christen?

Verdünnung, nein! Abkapselung, auch nicht! Dann Zeugnis mit allen verfügbaren Mitteln? Sich zuerst einmal in freundliche, dauerhafte und aufrichtige Geselligkeit mit seiner Umgebung im Viertel, im Dorf, in der Stadt einlassen. Dann sich die Grundlagen des christlichen Glaubens klar festlegen: vor allem Fleischwerdung, Tod und Auferstehung Christi. Wissen warum man Christ ist. Und das dann vertiefen. Es in klarer, ungezwungener Sprache erklären können. Das hilft einem, ein echtes, lebendiges, einfallsreiches Zeugnis abzugeben, das auf die Dauer verpflichtet und die Person achtet. Vor Christi Kreuz halten die Götzen des Pluralismus nicht Stand, man braucht aber oft lange Stunden Geduld und Freundschaft, bis es zugegeben wird. Und Jahre können manchmal vergehen, bevor eine sichtbare Veränderung eintritt. Wer wird das Risiko eingehen, auf dem gespannten Seil vorzurücken? Sicher die christliche Gemeinde, aber durch jeden von uns und zuerst durch mich.

C.S.